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1. April 2020 3 01 /04 /April /2020 20:10

Seit über 25 Jahren pflege ich deutsch-französische Freundschaften. Bei längeren gemeinsamen  Essen, was sich bei Franzosen in der Regel über Stunden hinzieht, beobachtete ich oft, wie sich irgendwann die anwesenden Frauen absetzten und Essensrezepten zuwandten und die Männer auf das von den Deutschen besetzte Frankreich während des zweiten Weltkrieges zu sprechen kamen. Das Bild, das sich mir dabei bot, war in der Regel eine Lobeshymne auf den antifaschistischen und kommunistischen Kampf gegen Hitlerdeutschland. Das Vichyregime, das sich als militärisch unterlegene Macht mit Deutschland  arrangierte, kam dabei nur am Rande vor. So prägte sich in mir ein Bild von einem Frankreich jener Kriegszeit, das keine diktatorischen, sondern demokratische Züge aufwies, die weitgehend politisch etwas links anzusiedeln waren.

 

Das änderte sich schlagartig, als ich die Doktorarbeit meines ehemaligen Schülers Dr. Hjalmar Kunz, Dolmetscher für Französisch und Englisch, zu lesen bekam. Dr. Kunz lernte 1988 eine Witwe namens Edith Renault-Rémy kennen, deren Mann Gilbert unter dem Decknamen Rémy Gründer und Leiter der Confrérie Notre Dame (CND) der Forces Françaises Indépendentes (F.F.I.) war. Sie hatte ein Privatarchiv eingerichtet, worin sie neben der Korrespondenz mit de Gaulle die Kriegserinnerungen ihres Mannes, seine Aufsätze, Sachbücher und Romane aufbewahrte. Nach ihrem Tod ging diese Dokumentensammlung als Fonds Rémy an das geschichtliche Erlebnis-Museum Mémorial de Caen. Rémys vielschichtige Arbeit als Filmproduzent, Agent, Autor und Politiker auf Dichtung und historische Wahrheit abzuklopfen, reizte Dr. Kunz. Wo zeigt sich in Rémys Unterlagen Autobiographisches, zum Teil versteckt hinter Romanhelden? Wo übertreibt er in selbstgefälliger Selbstinszenierung? Wo arbeitet er nach dem Krieg persönliche wie politische Schuld auf? Was daran ist wirkliche Geschichte des französischen Widerstandes gegen Nazi-Deutschland? Was daran reiner Heldenmythos?
 
In mühevoller Kleinarbeit vergleicht Dr. Kunz die Erzählstränge in Rémys Werk. Wo zeigt sich ein roter Faden, gegebenenfalls unter anderer Inszenierung, der Rückschlüsse auf die historische Wahrheit zulässt?  Er stellt dieses Material Werken anderer französischer Nachkriegsautoren mit ähnlicher Thematik gegenüber. So überrascht er mich mit meiner bis dahin eng begrenzten Erfahrung mit Franzosen damit, dass der französische Widerstand auch Wurzeln im französischen Katholizismus hatte. Selbst unter den Anhängern des Vichy-Regimes unter Marschall Pétain schienen viele keine Vaterlandsverräter zu sein, zeigt sich doch aus Rémys Unterlagen vor allem in der Nachkriegszeit, dass sie in vordergründiger scheinbarer Unterwürfigkeit im Hintergrund das Beste für die französische Nation wollten. Der französische Widerstand gegen die deutsche Besatzung war also viel breiter und vielschichtiger aufgestellt, als die gängige Geschichtsschreibung es vermuten lässt. Dies hat aus meiner Sicht Dr. Hjalmar Kunz recht gut nachgewiesen.
 
Seine Doktorarbeit „Beziehungen zwischen Kriegserfahrung und Fiktion am Beispiel von Gilbert Renault (genannt Rémy)“ ist für den Leser allerdings schwere Kost. Sie ist auf Deutsch geschrieben, enthält aber viele französische Texte. Seine Auseinandersetzung mit Rémys Werken und ihrem Vergleich mit zeitgenössischer Literatur ist ein mühseliges Puzzle, zermürbend zu lesen, wohl aber der wissenschaftlichen Genauigkeit geschuldet.
 
Ich wünsche mir, dass Dr. Kunz seine wissenschaftlichen Ergebnisse in ein kleines, spannendes Büchlein für den allgemeinen Leser fasst, so wie es zum Beispiel Berthold Brecht mit seinem Werk „Leben des Galilei“ tat. Denn schreiben kann er, das steht zweifellos fest. Das konnte er schon als Schüler sehr gut, wie ich als einer seiner ehemaligen Lehrer bezeugen kann.
 
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 Ich interessiere mich für alles, was dem friedlichen Zusammenleben der Menschen dient.
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