Overblog Alle Blogs Top-Blogs People
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU

Anekdoten, Gedanken, Gedichte, - mal heiter, mal nachdenklich, Theologisches und Philosophisches im Alltag, dt.-frz. Beziehungen und Städtepartnerschaft, Kunst und Kunstausstellungen, ... und was mir sonst noch in den Sinn kommt.

Werbung

Beten hilft trösten und heilen.

"Ich bete für Sie." ist leicht dahin gesagt. Anderer Menschen Not im Gebet vor Gott zur Sprache bringen ist etwas, wobei mir jedes Mal mulmig wird. Es ist, als ruhe eine zusätzliche Zentnerlast auf mir. Sitze ich in einer solchen Stunde meditierend vor dem Bild des Gekreuzigten, strömen in mein Hirn so viele Gestalten, Schicksale und Hilfeschreie, dass ich das Gefühl habe, mir platze der Schädel. Die meisten Gesichter bleiben schemenhaft, manche je doch treten klar und deutlich hervor:

Ausgeweint haben die leeren Augen einer alleinerziehenden Mutter, deren zwölfjährigen Sohn wir dem Abgott Verkehr geopfert haben, bis endlich der längst überfällige Radweg gebaut wurde. Um Erbarmen flehend wirkt auf mich ein Familienvater, dem eine schwere Krankheit seine Zukunftspläne glatt durchstrich. Schlaflose Nächte zeichnen das Gesicht seiner Frau. Abgründe aus Angst und Verlassenheit verbauen einer Witwe den Weg in die eigene Selbstständigkeit. Wie viel Gewalt hat wohl jenes Kind erlitten, das auf Worte nicht mehr reagiert? Abgeschottet und verbockt wirkt die missbrauchte junge Frau. Hinter Bart und Brille versteckt sich der Mann, der schon längst keinen Boden mehr unter seinen Füßen verspürt. Zur Wegwerfware erniedrigt und gedemütigt ringt die verlassene Ehefrau um Selbstachtung.

Alles Schicksale in meiner Stadt, ein winziger Bruchteil dessen nur, was täglich auf der Welt sich ereignet, und doch für mich wichtig, weil es mich in meinem eigenen Umfeld unmittelbar trifft und daher etwas angeht.

Die anderen Schicksale, die mir das Fernsehen frei Haus mit den Nachrichten mal liefert, mal unterschlägt, lassen in mir Gefühle der Ohnmacht aufkommen. Ich kämpfe dagegen an, indem ich hoffe auf viele, mir unbekannte Mitbeter und Mitarbeiter an einer besseren Welt. Ich vertraue darauf, dass es sie gibt. Die Welt wäre viel schlimmer dran, gäbe es nicht Anhaltspunkte des Guten, Vorboten der kommenden Gottesherrschaft.

86 Millionen Tote schätzt die UNO als Ergebnis aller kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten hundert Jahre. Das Leid der Lebenden drumherum wird ausgeklammert, nur die Toten werden gezählt. Wie einseitig nehmen wir wahr? Wo sind wir betroffen, wo nicht? Wer manipuliert unsere Gefühle, unsere Ängste, unsere Betroffenheit? Welchen Scheinsicherheiten geben wir uns hin? Wer hilft uns, wach zu werden für die Wahrheit, für die Not des Mitmenschen?

Was soll ich tun, wenn es mich selbst trifft?

Wie man seine Not vor Gott trägt, zeigt z.B. der Psalm 142: "Mit lauter Stimme schreie ich zum Herrn, laut flehe ich zum Herrn um Gnade. Ich schütte vor ihm meine Klagen aus, eröffne ihm meine Not. ... Vernimm doch mein Flehen; denn ich bin arm und elend."

Hätte ich nicht den Trost des Gebetes, mir bliebe nur die nackte Verzweiflung, so aber bin ich mir voll bewusst, dass meine Fußsohlen nur wenige Quadratzentimeter brauchen, damit ich sicher stehe. Ob auf freier Ebene oder am Rande des Abgrunds, es genügt die gleiche Standfläche für sicheren Stand, solange ich nicht aus Angst das Gleichgewicht verliere. Mit Gottes Hilfe, so hoffe ich, wird mir das gelingen und anderen ebenso.

vgl. auch
Tag um Tag
und Vater unser heute
Werbung
Zurück zu Home
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post
V
Manchmal finde ich leichter Worte und Zugang zu Gott, wenn ich für jemand Anderen bete, als für mich selbst.
Antworten
H
Warum ich dazu gehören will.Oft versteht man etwas nicht.Und da kann man doch mit wissen helfen.Oder selbst fragen stellen weil man die antwort nicht kennt.
Antworten
M
[...]"Ich bete für Sie." ist leicht dahin gesagt. Schreibt Herr Schley in seinem Blog und öffnet mir den Weg wieder mal hier zu schreiben.[...]
Antworten
P
Ich kann ihnen ein Buch empfehlen: "Deutschlands vergessene Kinder."  Es ist von einem Pastor aus Berlin geschrieben. Er hat dort ein Kinderhilfswerk (Arche) gegründet und erzählt Hoffnungsgeschichten aus seinem Arbeitsaltag, im kampf gegen Kinderarmut. Ein Stück Gottes neuer Welt. Schalom.
Antworten